Vom Respekt für ungeimpfte Schwaben

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Oder von der Angst der Regenten vor der Wahl

Von Nikolaus Klein

Ob die ungeimpften Schwaben jetzt erleichtert sind? Immerhin hat ihnen ihr Ministerpräsident Kretschmann soeben seinen Respekt ausgesprochen. Allerdings frage ich mich sogar als Nicht-Baden-Württemberger: Warum eigentlich? 

Die Frage drängt sich auf. Um mal kurz demokratische Plattitüden aufzutischen: Ein Ministerpräsident – der Regierungschef eines Bundeslandes – trägt doch eine gewisse Verantwortung für die Geschicke des ganzen Landes, für alle Bürger. Sogar die, die ihn nicht gewählt haben. Sogar für Ungeimpfte. Irgendwie bereitet es ein gewisses Unbehagen, wenn dann plötzlich ein solcher Ministerpräsident mit fundamentalen Selbstverständlichkeiten daherkommt. Respekt für alle…? 

Sind die Fundamente futsch? Oder offenbart er seine blanke Angst vor der Bundestagswahl? Ist ja irgendwie auch ein Ärgernis, dass der Stuttgarter Landtag so kurz vor der Wahl noch die bundesweit strengste 2G-Regelung beschlossen hat, die es aktuell gibt. Zum Beispiel dürfen Ungeimpfte im Ländle ab bestimmten Corona-Grenzwerten in kein Krankenhaus mehr hinein. Das ist schon starker Tobak. Würde ich so einen wählen, der das als Regierungschef verantwortet? Der dann noch nicht einmal die cojones hat, diesen Landtagsbeschluss einfach stehen zu lassen. Er schickt noch hinterher: „Ich habe euch doch auch lieb, ihr dummen ungeimpften Schäflein.“

Ein ehemaliger Bundespräsident hat kürzlich Ungeimpfte so pauschal wie ungeschminkt als „Bekloppte“ bezeichnet. Aber weder Bekloppten noch Ungeimpften wurde bisher das Wahlrecht aberkannt. Ärgerlich, mag sich Kretschmann gedacht haben – aber was nicht ist, kann ja noch werden. Seid versichert, liebe Ungeimpfte, was immer geschieht, meinen Respekt habt ihr. „Als Menschen und Bürger.“ Und was bringt‘s? 

Nebenan, im schönsten aller Länder, schauen auch die CSU-Granden mit wachsenden Sorgen der Bundestagswahl entgegen. Der Nochministerpräsident von Bayern, Dr. Markus Söder, zieht alle Register. Auch mit kabarettistischen Anleihen versucht er, seine Christsozialen wieder zuverlässig über der 30-Prozent-Marke zu justieren. 

Kürzlich nutzte er den Parteitag in Nürnberg für die Empfehlung, der geneigte CSU-Anhänger möge am Wahlsonntag im privaten Kreis fragen, wo denn seine Freunde ihr Kreuz machten. Antworteten sie mit „CSU“, solle man sie vom Fleck weg zur Wahlkabine schleifen. Sind sie aber geneigt, ihre Stimme dem politischen Gegner zu geben, solle man ihnen antworten: „Ach, Du hast ja noch Zeit, es Dir nochmal zu überlegen – die Wahl ist ja zum Glück erst in einer Woche.” 

„Ich glaube nicht an Ironie, es gibt sie nicht. Alles, was ironisch gesagt wird, kann man auch wörtlich nehmen, und man versteht es richtig“, hat mal ein berühmter Maler gesagt. Gut, dann nehmen wir den Regierungschef spaßeshalber dieses eine Mal beim Wort: Die Rettung der eigenen Partei liegt dann im apathischen Desinteresse des Wahlvolks. Liegt besagter Maler, Johannes Grützke, richtig, offenbart die vermeintliche Ironie die Angst des Regenten vor der Wahl und ein abgründiges Menschenbild. 

Unterdessen wird gelockert im Freistaat! Das geharnischte Bayernvolk darf sich einstweilen wieder ins Vergnügen stürzen bei diversen Wiesn-Substitutions-Veranstaltungen. Alle 2G-Pläne bleiben erstmal in der Schublade, anders als in BaWü und in zahlreichen anderen Bundesländern. Jedenfalls bis nach der Wahl. Aber dann, liebe Ungeimpften, aber dann… Man munkelt, die Söderschen Schubladen haben noch einiges zu bieten. Nach der Wahl.